18.11.2012

Stefan Friedemann: Landschaften - neue Radierungen


rStefan Friedemann: Licht über der Elbe  (Landschaft), Vernismou, Aquatinta, Farbradierung - 2 Platten
Stefan Friedemann: Licht über der Elbe

























Stefan Friedemann: Himmelsfels  (Landschaft), Kaltnadel, 2012
Stefan Friedemann: Himmelsfels, 2012


Stefan Friedemann: Himmelsfels I  (Landschaft)I, Kaltnadel, Reservage, 2012
Stefan Friedemann: Himmelsfels II, 2012


Weitere Arbeiten und Informationen sind auf der Webseite  von Stefan Friedemann zu sehen- siehe auch rechts unter "Wir Grafiker".



Kunst als Existenzform
von Dr.Ada Raev
Stefan Friedemann nimmt sich ungeachtet der Hektik und frappierenden Effekte des Medienalltags Zeit und gönnt sie dem Betrachter, wenn er sich den klassischen Gattungen Malerei und Druckgrafik in wechselndem Bezug zuwendet. Er offenbart dabei eine subtile Verankerung in der Kunst des 20. Jahrhunderts, ohne sich jemandem zu sehr anzunähern. Autonomie ist als Anspruch im doppelten Sinne verstanden. Bei der Betrachtung von Stefan Friedemanns Bildern und Radierungen und dem sich entspinnenden Dialog mit ihnen stellen sich gedämpfte Töne ein. Läßt man sie gewähren, fügen sie sich zu einer reichhaltigen Modulation, die lange nachklingt.

 Stefan Friedemanns Arbeitsweise gründet in der Malerei wie in der Radierung auf einem hohen Maß an selbstgewählter Bescheidenheit und Disziplin. Durch die strenge Auswahl und Reduktion der Bildgegenstände und technischen Mittel und die unbedingte Konzentration der gestalterischen Umsetzung gewinnen die daraus hervorgehenden Werke eine gleichsam elitäre Qualität. Man könnte seine Kunst unter der Voraussetzung „konzeptuell" nennen, daß bei der Verwendung dieses Begriffes Intellektualität zwar konstituierend gemeint ist, Rationalität und Kalkül aber nicht absolut gesetzt werden. Die Faszination von Stefan Friedemanns Arbeiten besteht in der ihnen eigenen Balance zwischen Organischem und Konstruiertem, zwischen Spielerischem und Gesetztem, zwischen Diffusem und Strukturiertem. Ihr koloristischer Minimalismus ist dank unterschiedlicher Lichtwerte reich an Nuancen. Die Farbgebung einer Reihe seiner Ölbilder ist mit „Ocker" so lapidar wie unzureichend bezeichnet, denn dieses Ocker hat eine Vielzahl von Schattierungen und Fakturqualitäten: Es evoziert den Eindruck schrundiger Erdkruste ebenso wie den von lockerem Sandstein, vermag sich aufzuhellen wie Mittagslicht über leicht bewegtem Wasser, ohne daß Gegenständliches explizit gemacht würde. Ähnlich verhält es sich mit den teilweise gespachtelten „grauen" Interieurbildern der letzten Zeit, in denen Licht- und Schattenbahnen mit dem Räume und Figuren andeutenden linearen Gerüst konkurrieren und den eigentlich statischen und meditativen Situationen Transparenz und Dynamik verleihen. Zwischen dem Schwarz und dem zurückgenommenen Weiß der Radierungen spannt sich silbergraues Netzwerk aus mannigfaltigsten Verknüpfungen, und auch das Ocker der Malerei findet sich im anderen Medium wieder. Ähnlich ambivalent verhält es sich mit aufzuspürenden Räumen. Stefan Friedemann arbeitet auf den ersten Blick konzentriert auf und in der Fläche, läßt sie auf der Leinwand analog geologischen Langzeitprozessen schichtweise wachsen. Gleichzeitig verliert er die dritte Dimension im Bild nicht aus dem Auge. Sie hat nur ihre Ausschließlichkeit und das eindeutig Begrenzende verloren, klingt zuweilen lediglich als Möglichkeit an: in einer Aufhellung oder Verschattung des Tons, in eingegrabenen Linienverläufen und Strichbündelungen, die für einen Moment einen Tiefenzug entstehen lassen und das Auge sodann in ein Vexierspiel von „Hinten" und „Vorne" verwickeln, ehe schließlich wieder die Fläche da ist und für die seismographische Empfänglichkeit des Betrachters neue Entdeckungen bereit hält.
Die meisten Bilder und Blätter, erstere häufig durch Zeichnungen vorbereitet, entstehen „ohne Titel", im Vertrauen auf die sinnliche Wirkung der erschaffenen Strukturen und die von ihnen ausgelösten Assoziationen, die durch keine begrifflichen Verfestigungen eingeengt werden sollen. Die Gefahr der Beliebigkeit ist insofern ausgeschlossen, als Stefan Friedemann immer um grundlegende gestalterische Momente kreist und dabei gegenläufige Tendenzen ins Spiel bringt: einen symmetrischen Ansatz durch asymmetrische Anordnungen konterkarriert, steigende und fallende Diagonalen konfrontiert, eine Waagerechte schweben und eine Senkrechte eine Sequenz bezeichnen läßt, geschlossene Formen und Fragmentarisches zueinander in Beziehung setzt, Bewegungsimpulsen einen Widerpart bietet und dennoch auch Gleichmaß akzeptiert. Absolut ist nichts, deshalb können sich Parallelen auch schon mal in der Endlichkeit treffen. Bei aller Konstruktivität des Bildaufbaus bewahrt Stefan Friedemann die lebendige Linie, läßt trotz der Feinheit Druck und Bewegung der Hand mitschwingen. Mit ihr, die ihm auch in der Malerei wichtig ist, bezeichnet er Formen, Koordinaten und Kraftfelder, holt er wissend und dem Zufall zugeneigt Spuren aus der Formlosigkeit.
(aus einer Broschüre über Stefan Friedemann, mit freundlicher Unterstützung des Kulturamtes Berlin-Lichtenberg)